Lieber Tod – du bist gar nicht so schlimm

Heute hatte ich meinen letzten Arbeitstag als Lehrling. Ich durfte sowohl beruflich als auch persönlich viel für mich lernen.

Persönliches wie Dich, Tod. Seit ich klein war fürchtete ich mich vor Dir. Ich hatte so fest Angst, dass ich als Primarschüler lange nicht schlafen konnte und nur weinen musste. Ich wollte nicht, dass mein Leben ein Ende nimmt, ohne dass ich irgendwie etwas daran ändern könnte. Es beschäftigte mich teilweise so sehr, dass ich auch meine Grosseltern fragte wie sie denn damit umgingen. Sie würden doch auch bald sterben. Ich erinnere mich noch heute an Ihre Antwort. Dass sie keine Angst hätten, da sie ein erfülltes Leben geniessen konnten. Verstand ich als Kind aber nicht. Wenn etwas gut ist sollte es doch nicht für immer fertig sein.

Meine Grosseltern verstarben. Die ersten Menschen, welche mir sehr nahestanden und die mich als kleines Kind grossgezogen haben wie meine Eltern. Von meinen Grosseltern konnte ich lernen, was es heisst zu lieben. Wirklich zu lieben. Dass man jedem Menschen mit der Freundlichkeit begegnet, der man selbst gerne begegnen würde, egal wer dieser Mensch ist und was dieser Mensch getan hat. Sie haben mir die Eigenschaft eingeimpft, welche mir heute noch so wertvoll ist und ich bin Ihnen endlos dankbar dafür.

Mit dem Alter verschwanden die Tränen und schlaflosen Nächte. Ich akzeptierte es irgendwie. Aber wirklich Frieden finden konnte ich dabei nicht. Jeden Tag erlebe ich etwas. Ich habe meine Gedanken und Ideen und fühle Emotionen. Dass alles will man doch nicht einfach verlieren. Für mich gibt es nichts nach dem Tod. Im Endeffekt weiss ich es natürlich nicht, etwas anderes als schwarze Leere kann ich mir nicht vorstellen. Ausserdem, wann wird man überhaupt mit dem Tod konfrontiert? Er ist ja nicht zu finden im Alltag.

Im Altersheim begegnet man dem Tod immer wieder. Es ist für mich faszinierend und schön zugleich, wenn ich eine 90-jährige Dame in den Tod begleiten darf. Wenn diese Person im Bett und friedlich im Sterbeprozess liegt, ich ihre Hand halten darf und aus Ihrer Bibel lesen kann. Ich ganz allein im Zimmer mit ihr, bis sie schlussendlich das letzte Mal einschläft.

Hier lernte ich meinen Frieden zu schliessen mit dem Tod. Denn ich sterbe hier und jetzt, in dem Moment, in welchem ich dies hier schreibe. Wir alle tun dies, jede einzelne Sekunde lassen wir die Zeit passieren, bis auch wir den letzten Atemzug nehmen. Das einzige was zählt ist was wir aus dieser Zeit machen. Egal ob 19 oder 99-jährig. Mit ein wenig Arbeit kann man immer das Beste aus seinem Leben rausholen, wir haben ja auch nur diesen einen Versuch auf dieses Leben.

Die Chance, dass du überhaupt existierst, hier und jetzt, liegen bei 1 in 102,685,000. Das ist eine Zehn mit 2’685’000 Nullen. Also ein Wunder. In diesem Wunder werden über Jahre Liebe und Verbundenheit aufgebaut egal ob mit Familie, Freunde oder deinem Haustier. Wenn ich das alles so in meinem Kopf setzen lasse dann bin ich froh, dass ich eines Tages sterbe. Egal ob durch einen Autounfall nächste Woche oder als Senior in einem gemütlichen Bett. Denn ich lebe mit dem Wissen, dass ich jederzeit mit einem unvorstellbaren Glück lebe und ich dieses Glück stets versuche weiterzugeben.

Ich hatte nie in meinem Leben Depressionen oder Suizidgedanken. Dafür liebe ich das Leben zu sehr.

Etwas Neues gehört nun dazu. Ist Teil davon.

Das Wissen, dass Du, lieber Tod, gar nicht so schlimm bist wie zuerst gedacht und ich dabei gar keine Angst haben muss. Denn mein Glück wird in anderen Menschen weiterleben.