Diesen Winter brachte mich mein Beruf an die Grenze des Ertragbaren. Ich erlebte zum ersten Mal was es wirklich heisst, einfach Tag für Tag keine Energie mehr zu haben, nach mehreren 12-Stunden-Schichten.

Es ist ein grauenhaftes Gefühl, am Morgen anzukommen und zu versuchen, seine Konzentration irgendwie zurückzuerlangen. Man arbeitet ja nicht einfach am Computer – nein, man präpariert Medikamente dreimal täglich, hantiert mit lebensnotwendigen Spritzen und betreut Mutter und Väter anderer.

Und jedem dieser Menschen geht es auch nicht besser. Nein, schlimmer. Aufgrund von positiven Corona-Fällen, die nicht rückverfolgbar waren, wurde jede Person entweder zur Isolation oder Quarantäne in ihre Zimmer verbannt, für zwei Wochen. Zwei Wochen lang in einem Zimmer. Teilweise ohne Fernseher oder sonstige Mittel zur Unterhaltung. Es ist eine Generation, die sich nicht mit Netflix oder dem Abendprogramm allein unterhalten kann. Es ist eine Generation, die im Heim morgens die Glückpost oder die Zeitung liest oder näht. Sonst sind sie auf andere Menschen angewiesen – wie alle Menschen es sind. Sie brauchen die Pflege und den Kontakt mit den anderen Menschen aus dem Heim und mit ihren Angehörigen. All dies bleibt verwehrt. Besuche von Angehörigen sind nicht erlaubt, ein Telefon muss reichen. Und wenn sie schwach sind durch die Erkrankung reicht auch dies nicht. Das Pflegepersonal hat nur Zeit für das Nötigste. Medizinisch, pflegerisch. Betreuung geht nur durch ein kleines Gespräch und vielleicht noch einen Witz, um die Stimmung aufzuheitern.

Die Pflege hat jedes Zimmer einzeln zu betreten. Jedes Mal die Isolationskleidung anziehen und ausziehen. Sie hat dafür zu sorgen, dass jeder mit dem Nötigsten versorgt ist und dass sie gleichzeitig selbst nicht die Fassung verliert.

Nach einem langen Tag bleiben am Abend ungefähr drei Stunden, um sich auszuruhen, das Privatleben bleibt komplett aus. Durch die Pandemie geschieht momentan sowieso nicht viel, aber durch die erschöpfende Arbeit will man auch gar nichts mit gar niemanden mehr zu tun haben. Ich selbst lese gerne Nachrichten, informiere mich und beschäftige mich mit den Geschehnissen der Welt. In diesem Winter arbeitete ich einfach. Was draussen alles passiert scheint egal zu sein. Man geht ins Bett und hat am nächsten Morgen das Gefühl, keinen Schlaf bekommen zu haben. Wenn man wieder zur Arbeit kommt, bleibt aber der Humor innerhalb des Teams. Es ist etwas, dass ich in dieser Zeit sehr geschätzt habe. Ein grosser Grund, warum ich die Arbeit überhaupt noch meistern konnte. Irgendwie muss man mit dem Ganzen umgehen, denn ändern kann man daran sowieso nichts.

Dann ist da noch die Sache mit dem Sterben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diesem Thema so nahe und intim bereits so früh in meinem Leben begegnen durfte. Es ist eine grosse Lehre.

In der Coronazeit habe ich noch nie so viele Menschen ihre letzten Schritte gehen gesehen. Viele sind auch ohne Corona gestorben. Die Quarantäne hat wahrscheinlich den letzten Abschnitt beschleunigt. Viel mehr dazu gibt es aus meiner Sicht nicht zu sagen. Alle, die ich kennengelernt habe, durften ein stolzes Alter erreichen. Viele warteten darauf, ihre*n Ehemann*frau wieder zu begegnen oder ihr chronisches Leiden beenden zu dürfen. Es ist schön zu wissen, dass für sie das Leid vorbei ist.

Seit dem Neujahr ist mein befristeter Arbeitsvertrag beendet und mein nächster Schritt ist die Rekrutenschule. Rückblickend gesehen war es eine sehr anstrengende Zeit, die ich nicht gerne nochmals bestreiten würde. Niemand soll dies erleben müssen. So etwas muss vermeidbar sein. Mitarbeiter zuzusehen, wie sie an der ganzen Arbeit und dem Stress wortwörtlich zusammenbrechen, ist grausam. Ebenso die Bewohner, die erkrankt sind und im Bett leiden oder die versuchen, solange zu kämpfen, bis spätestens beim Stehen ihr Kreislauf kollabiert und sie bewusstlos werden.

Dennoch war es eine spezielle Zeit, auf die ich später noch stolz sein werde. Auch ich selbst bin an Corona erkrankt und war tagelang ans Bett gefesselt, habe mit all den typischen Symptomen gekämpft. Kurz darauf habe ich trotz der noch körperlichen Schwäche wieder gearbeitet. Es war die richtige Entscheidung. Es war eine Arbeit, die ein Teil der Geschichte sein wird. Es wird nicht die letzte Pandemie in der Geschichte der Menschheit sein. Nur hoffe ich, dass wir Menschen es nächstes Mal besser wissen.